PAUL RENNER   Theatrum Anatomicum  06 | 0713 | 07 | 2007    
 

 
         

Paul Renner
Theatrum Anatomicum, 2006
KUB-Platz, Kunsthaus Bregenz

Paul Renner
The Hardcore Diner | 2005
Foto © Christian Schramm

 

 

Als Ort des Handelns erschafft Paul Renner (*1957 in Bregenz) erstmalig 2007 für das Kunsthaus Bregenz das »Theatrum Anatomicum«, ein temporäres Gebäude, in dem der Sinn und die Sinne gleichermaßen geschärft und seziert werden. Alle Handlungen im »Theatrum Anatomicum« werden als synästhetische Prozesse auf der Suche nach jenem Punkt des Verschwindens der Wahrnehmung erlebt, wo das Ästhetische zum Unendlichen wird, die Unterteilungen sich auflösen und alle Sinne zu einem zusammenfließen. Das »Theatrum Anatomicum« ist ein dynamisches Modell, dem die Idee des Gesamtkunstwerks zugrunde liegt. Es ist ein Ort für das Zelebrieren von lebensverändernden Handlungen.
Das Kunsthaus Bregenz ist als Quintessenz der diagonale Schnittpunkt eines magischen Polygons, das sich aus den Eckpunkten der vorhergegangenen Inszenierungen in Neapel, London, New York und Wien ergibt. Im Unterschied zu den vorherigen Schauplätzen dieses Gesamtkunstwerks wird das »Theatrum Anatomicum« von Grund auf neu erbaut.

   
         
 
   
       

Paul Renner
Theatrum Anatomicum, 2006
KUB-Platz, Kunsthaus Brgenz


Modell Schweinsblase von Roland Adlassnigg, 2007
Foto © Roland Adlassnigg


"Theatrum Anatomicum"
Computeranimation
© Squid Wien
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  Paul Renner hat zusammen mit Squid, einem jungen Wiener Architekturstudio um Gundolf Leitner, das spektakuläre, schädelförmige, 12 Meter hohe Zelt aus gebogenen Hölzern und Wursthaut samt vollständiger Einrichtung entworfen. Dieses luxuriöse Interieur wird Themen und Objekte aus vergangenen wie neu geplanten Reisen enthalten. Es ist ein Platz, an dem sich 133 Personen in einer Atmosphäre endgültiger Anästhesie ausruhen können. Die Besucher werden platziert wie einst die Studenten in einem Teatro Anatomico, jener geheimen, uterusgleich von der Welt abgeschlossenen Struktur, in der die Ärzte der Renaissancezeit ihre Anatomielektionen erteilten. Das Bregenzer »Theatrum Anatomicum« wird mit seinen Speisefolgen experimentell arbeitender Küchenchefs und mit diversen Live-Performances von ähnlicher Offenbarungskraft sein.
Es wird am 6. Juli mit der »Gas Night/Betäubung« eröffnet, für die der Historiker des Wahnsinns und Narkotiker Mike Jay zusammen mit dem Koch Carles Abellan von Comerç 24, Barcelona, jenem Koch, der über zehn Jahre die rechte Hand von Ferran Adrià war, verantwortlich zeichnet. Sowohl in der Performance des Mike Jay als auch in den Speisen des Carles Abellan kommt Lachgas zum Einsatz. Die 10-Jahres-Feier des KUB am 7. Juli wird zur »Nacht der Sektion«. Medlar Lucan und Durian Gray öffnen in ihrer Performance mit Bernie Rieder und Pablo Meier-Schomburg für das Restaurant »das turm«, Wien, verschiedene Körper. Am 9. Juli gelangen zum Thema »Hypnerotomachia Poliphili« Körper als essbare Skulpturen zur Schaustellung. Es kocht Erwin Kasper, begleitet von der Uraufführung einer Komposition, mit der der Komponist Alexander Moosbrugger beauftragt wurde. In den »Riten der Selbstauflösung« am 10. Juli zelebriert der Koch Adi Bittermann exzentrische Formen der Einbalsamierung, begleitet von der kolumbianischen Sängerin Lucia Pulido und einem Vortrag des Spezialisten Gerald Matt. Die »Dead and Gone Night« am 12. Juli huldigt verschiedenen Tötungsritualen wie der sizilianischen Matanza und der Transformation der Körper in Gesang und japanischen Esszeremonien. Küchenchef dieses Abends ist Martin Real mit japanischen Sushimeistern, Chef auf der Bühne Fritz Ostermayer. Das Finale am 13. Juli bestreiten Hermann Nitsch und Paul Renner gemeinsam in einer Aktion, in der die Anatomie der Körper und Speisen anhand von Nitschs Orgien Mysterien Theater und Renners kulinarischem Theater vorgeführt wird.
An vier Abenden wird von der Artistengruppe zierKuss ein TonFilm-Werk auf die Sektionstische des »Theatrum Anatomicum« projiziert.
   
         
   
   
       
Paul Renner
The Hell Fire Dining Club
2004


Paul Renner
Logo »The Hell Fire Dining Club«,
2004

Paul Rennerr
The Hell Fire Touring
Club – Seaweed Cabinet | 2006
  Prospectus: 1995 und 1998 schuf Paul Renner gemeinsam mit Johannes Gachnang das Symposium Vakanz. Für die Erwartungen des Publikums interessierten sie sich dabei wenig, viel mehr waren sie von dem Gedanken getrieben, das künstlerische Experiment als Aufführungspraxis in den Mittelpunkt zu stellen und eine Bühne von Künstlern für Künstler zu schaffen. Philosophen, die auch auf anderen Fachgebieten bewandert waren, trafen auf Klavierbauer und Architekten, die über Theater, Mathematik und Ornithologie referierten.
Geleitet von dem Gedanken, ein Theater der Obsessionen zu entwerfen, gründete Renner mit Lucan und Gray 2000 in London »The Hell Fire Touring Club« , der neben den drei Protagonisten nur anonyme Mitglieder zählt. Dieser Pseudoclub, inspiriert von Sir Francis Dashwood, Präsident des historischen ersten »Hell Fire Club«, brachte seltsame Hybridformen von Reisen, Essen, Theater, Malerei, Schreiben, Bildhauerei und Ausstellung hervor.
Die erste öffentliche Vorstellung ihrer Ideen fand im Traveller’s Club in London 2001 vor geladenem Publikum statt. Angetrieben von visionären Utopien erstellten sie einen Bericht über ihre Reisen, einen Atlas der Labyrinthe des hermetischen Europa. Sie verstanden den Kontinent als einen anästhetisierten Koloss, der auf dem Operationstisch der Geschichte ausgestreckt lag und zwischen Leben und Tod schwebte. Ihre Reise über den Kontinent war als eine alptraumhafte endoskopische Expedition durch die Drüsenkanäle konzipiert, die ein lebenswichtiges Organ mit dem anderen verbindet. Sie begann mit dem Mund – dem Höllenschlund – als Suche nach dem Eingang zum Hades in Sizilien und führte sie über 18 weitere europäische Orte, denen sie Organe zuordneten, schließlich zum Fundament nach Neapel, wo sie 2002 in der Fondazione Morra ihren Bericht zum ersten Mal vollständig präsentierten. Ein gewaltiges Buch war in einer streng limitierten Auflage von 19 Stück entstanden, eingeschlossen in einem Kasten (einer Kreuzung aus Wunderkammer und Reiseapotheke), der Medlar Lucans und Durian Grays Texte und Renners Bilder enthält.
Den dritten Eckpunkt setzte Paul Renner 2004 mit dem Grande Spectacle »The Hell Fire Dining Club« in der Kunsthalle Wien, wo er das gläserne Aquarium am Karlsplatz in einen Schmelztiegel von Kunst, Speisen, Alkohol und mystischer Technologie verwandelte. An siebzehn aufeinanderfolgenden Abenden wurde der Bogen von der Geburt bis zum Tod gespannt. 2006 entwarf Renner mit »The Hardcore Diner« für die Galerieräumlichkeiten des New Yorker Galeristen Leo Koenig eine temporäre Variante des Clubs, eine mit Meeresalgen tapezierte Kompressionskammer, in der in einem aus Sperrmüll gebauten Diner eine Woche lang in verschwenderischem Stil gegessen und getrunken wurde.
   
             
         
             

Paul Renner
Theatrum Anatomicum, 2006
KUB-Platz, Kunsthaus Bregenz


Paul Renner
Filmcut aus: zierKuss
TonFilm-Projektion, 2007


Medlar Lucan, Paul Renner, Durian Gray,
2007

 
Programm Theatrum Anatomicum
       
         
 

Gas Night
Freitag, 6. Juli, 19.30 Uhr
Lecture: Mike Jay, London
Küche: Carles Abellan, Comerç 24, Barcelona
TonFilm-Projektion: zierKuss, Wien
A gastro-philosophical entertainment with nitrous oxid, kitchen as laboratory, dining as intoxication, chemistry as poetry und TonFilm-Projektion Teil 1 »für taube«: ein Film mit Livevertonung, zeigt die Vernetzung von Tieren, einem kulinarischen Gericht und Gebärdensprache
als physisches Erlebnis. In der Küche steht Carles Abellan, der über 10 Jahre im El Bulli die rechte Hand von Ferran Adrià war.

Live Dissection
10 Jahresfeier KUB
Samstag, 7. Juli, 19.30 Uhr
Performance: Medlar Lucan und Durian Gray, Oxford
Küche: Bernie Rieder, Pablo Meier-Schomburg für das Restaurant »das turm« , Wien
TonFilm-Projektion: zierKuss, Wien
Lucan and Gray, connoisseurs and researchers in Decadence, will undertake a live performance/dissection und
TonFilm-Projektion Teil 2: »der sturm« folgt den Spuren von The Decadent Restaurant, dessen Begründer und historischen Vorfahren.

Hypnerotomachia Poliphili AUSVERKAUFT
Montag, 9. Juli, 19.30 Uhr
Komponist: Alexander Moosbrugger, Berlin
Konzert: Kammerensemble Neue Musik, Berlin
Küche: Erwin Kasper, Schoppernau
Uraufführung einer Auftragskomposition. Poliphilo sucht. Gaspard recherchiert. Nach dem Verlorenen. Vergangenen. In verkehrter Gestalt Sichtbaren. Essbare Skulpturen nach Bildern der Hypnerotomachia – Labyrinth, Orakel, Cupido, Satyr, die Architektur des »Theatrum Anatomicum«.

Riten der Selbstauflösung AUSVERKAUFT
Dienstag, 10. Juli, 19.30 Uhr
Vortrag: Gerald Matt, Wien
Gesang: Lucia Pulido, Kolumbien
Küche: Adi Bittermann Vinarium, Göttlesbrunn
TonFilm-Projektion: zierKuss, Wien
Tod als Konstrukt, Selbstmordriten und exzentrische Selbstanatomie, kulinarischer Dandyismus und TonFilm-Projektion Teil 3: »letzte worte«, eine Filmcollage mit Audiountermalung zum Tod der historischen Vorfahren des nebulösen Restaurants.

Dead and Gone
Donnerstag, 12. Juli, 19.30 Uhr
Moderation: Fritz Ostermayer, Wien
Konzert: Quintetto Nitsch, Sizilien
Küche: Japanische Sushimeister und Martin Real, Weite
TonFilm-Projektion: zierKuss, Wien
Tötung, Sektion und Transformation. Die Gesänge der sizilianischen Matanza mit der kulinarischen Einverleibung von Fischen und TonFilm-Projektion Teil 4: »für paul«, eine verfilmte Erzählung der Personalisierung des Todes und seinem Anteil am Fortbestand des Lebens.

Das Orgien Mysterien Theater und das Theatrum Anatomicum
Freitag, 13. Juli, 19.30 Uhr
Aktion: Hermann Nitsch, Prinzendorf
Küche: Paul Renner, Grossdorf
Konzert: Quintetto Nitsch, Sizilien
Eine Aktion von Nitsch parallel zu einer kulinarischen Aktion von Renner. Die Anatomie der Speisen und Körper; ein ästhetisches Ritual derExistenzverherrlichung.

     
         
         
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